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Das Gendersternchen und die exakten Wissenschaften

Ich bin Naturwissenschaftler, genauer gesagt Physikochemiker und noch genauer Elektrochemiker. Neben Chemie und Physik gehören ganz selbstverständlich Mathematik, Logik sowie Analog-/Digitaltechnik mit Lötkolben und Programmieren in allen bekannten Sprachen in denen es if() gibt oder auch nicht zum Repertoire. Für exakt arbeitende Wissenschaftler/-innen ist das „Gendern“ als solches eigentlich kein Schimpfwort, sondern ich erkenne es als den Willen zur exakten Sprache, die für echte Wissenschaftler/-innen so wichtig ist, wie alle meine oben genannten Künste für mich zusammengenommen. Jetzt kommt Kunst allerdings von Können und nicht von Wollen, sonst müßte sie Wunst heißen, und für mich ist die Einführung des Gendersternchens in die deutsche Sprache vielleicht gut gewollt, aber eben nicht gut gekonnt. Für meinen Geschmack ist das Sternchen zu beliebig.

Auch unter Sprachwissenschaftlern ist das Gendersternchen wenn auch unter erweiterten Gesichtspunkten keineswegs unumstritten. Man lese den sehr schönen Artikel zu einem seinerzeit aktuellen Anlaß von Anatol Stefanowitsch auf ZEIT Online - „Gender und Sprache: Geschlechtslos in Hannover“.

Jetzt kann in meinem Bereich der angewandten Naturwissenschaft allerdings ein guter Pragmatismus nicht schaden, man muß nunmal mit dem leben was man hat. Der Betriebsleiter eines Kunden sagte mir einmal bei der Vorstellung eines neuen chemischen Prozesses, „Der Feind des Guten ist das Bessere.“ Recht hat er, und solange man nichts besseres als das Sternchen hat, nimmt man es halt, und Nörgeln ist irrelevant. Es gibt beispielsweise auf dem Gendergebiet Forschende, die wünschen nicht Professor* sondern ProfessorX genannt zu werden. Das X ist jetzt allerdings eindeutig nicht der Feind des Sternchens, das ist ja noch beliebiger. Warum nicht irgendein anderer Buchstabe aus a-z|A-Z? Wie wär’s mit Y. ProfessorY könnte man wenigstens noch aussprechen ohne sich die Zunge zu brechen.

So oder so, alle diese Vorschläge genügen nicht meinem Anspruch an eine exakte Sprache, und hier stelle ich eine hoffentlich „bessere“ Alternative zur Diskussion.

Aufgabenstellung

Die Aufgabe sich geschlechtsneutral auszudrücken hätte man bereits gelöst wenn man immer alle geschlechtsspezifischen Varianten gleichberechtigt in die Sprache einbaut. Beispielsweise darf sich bei einer Äusserung wie „Liebe ProfessorXn und Professorinnen und Professoren, ...“ eigentlich niemand beschweren - selbst wegen der Reihenfolge nicht, weil die Konjunktion ja kommutativ ist, und demnach «A ∧ B ∧ C» gleichwertig zu «B ∧ C ∧ A» und «C ∧ A ∧ B» usw. ist.

Für die Schreibenden/Sprechenden ist das allerdings ein wenig langatmig, besonders um die Mitte herum, und tatsächlich haben wir es hier mit einem technischen Optimierungsproblem zu tun, nämlich wie drücke ich mich möglichst knapp und zugleich korrekt aus - zu den nichttechnischen B-Noten komme ich später.

Die Faulen (das sind wir alle, wenigstens hin- und wieder mal) lassen die Korrektheit eine gute Frau sein, und nehmen die kürzeste Form die gerade in den Sinn kommt, nämlich typischerweise „Liebe Professoren, ...“.

Die Schlauen (das sind die, die Faulheit für Klugheit halten) bauen Sternchen ein, wo es gerade paßt, also „Liebe Professor*, ...“. Da typische deutsche Sätze sowieso jede Menge Satzzeichen an beliebigen Stellen enthalten, tut ein Sternchen mehr oder weniger dann auch niemandem mehr wirklich weh. Jedenfalls steht ein „*“ für Alles und Nichts und paßt immer, so wie gute Bauernregeln auch immer stimmen, „Wenn der Hahn kräht auf dem Mist, dann ändert sich das Wetter, oder es bleibt wie es ist.“

Die Korrekten (von den o.g. Kreisen gerne auch als Korinthenkacker bzw. Korinthenkacker* tituliert) erinnern sich oder haben es verinnerlicht, daß es ein Wesen der Mathematik ist, Gleiches anders zu schreiben, und das Ideal der eineindeutigen Zuordnung soll hier nun weiter verfolgt werden.

Vorher muß aber zwangsläufig noch eine andere Frage geklärt werden, nämlich die des dritten Geschlechts und dessen sprachlicher Berücksichtigung. Ich als Physikochemiker, der während seines Studiums ein Zusatzpraktikum in theoretischer Chemie absolvierte, neige zur Lösung dieser Frage so wie die Frage nach Welle oder Teilchen in der Quantenphysik gelöst wurde, nämlich mit dem Welle-/Teilchendualismus. Ein Photon ist nicht entweder Welle oder Teilchen, sondern sowohl als auch.

Liebe sich angesprochen fühlende, bitte glaubt mir, ich will euch nicht veräppeln. Die Quantenmechanik ist eines der vornehmsten Gebiete der modernen Naturwissenschaften und jedenfalls für dumme Scherze ungeeignet. Bitte versucht es einmal mit dem Gedanken, daß ihr nicht weder Mann noch Frau seid, sondern sowohl als auch, also dual. In meinen Ohren hört sich „Dual“ auch viel vornehmer und schöner an als „Divers“, einmal abgesehen davon, daß letzteres ja noch wahlloser und beliebiger daherkommt als dieses popelige Sternchen.

Alle anderen mögen doch bitte den Dualen den Vorzug des Sowohl als Auch gönnen, denn im Gegenzug könnte man sich einfach alle sprachlichen Verrenkungen schenken, die uns ansonsten vom „Divers“ aufgenötigt würden. Beispiel, in der Ansprache „Sehr geehrte Damen und Herren, ...“ sind alle voll mit drin, Frauen, Männer und die Dualen sowieso.

„Ihr geliebten Teilchen und Wellen“, umfaßt ja auch alles, nämlich die profanen Pflaumen- und Streusselkuchenteilchen sowie Apfelstrudel und Donauwellen, schließlich die dualen Elektronen, Protonen, Neutronen und Photonen sowieso.

Reguläre Ausdrücke

Lt. Wikipedia ist ein regulärer Ausdruck (englisch regular expression) in der theoretischen Informatik eine Zeichenkette, die der Beschreibung von Mengen von Zeichenketten mit Hilfe bestimmter syntaktischer Regeln dient. Keine Panik, wir bleiben pragmatisch, und für den vorliegenden Zweck ist nur wichtig, daß es Regeln gibt, und wir suchen uns die einfachsten heraus, nämlich die standardisierten POSIX Basic Regular Expressions. Auch von diesen verwenden wir dann nur die Regeln, die uns wirklich weiterhelfen.

Jedenfalls kann im Gegensatz zur wahllosen Beliebigkeit des „*“ ein regulärer Ausdruck so angelegt werden, daß er nur ganz spezifische Zeichen- bzw. Wortfolgen umfaßt, d.h. er ist eineindeutig.

Drei syntaktische Elemente werden benötigt:

  • Eckige Klammern [] - dienen der Gruppierung von alternativen Einzelbuchstaben und -zeichen.
  • Runde Klammern () - dienen der Gruppierung von alternativen Silben.
  • Der senkrechte Strich | - dient innerhalb runder Klammerung als Trennzeichen zwischen den alternativen Silben. Ein | am Anfang oder Ende der Liste steht für eine leere Silbe als Alternative.

Beispiele

Ausführliche Schreibung Regulärer Ausdruck Aussprache
Politiker & Politikerin Politiker(in|) Politkerina
Griechinnen & Griechen Griech(inn|)en Griechinnalen
die & der d(ie|er) diealer
jede & jeder jede(r|) jedera
derjenigen & desjenigen de[rs]jenigen dersjenigen
bis zur & zum bis zu[rm] bis zurm
männlich & weiblich (männ|weib)lich männalweiblich
des Beobachters & der Beobachterin de[rs] Beobachter(in|s) ders Beobachterinals
er & sie er|sie ersie
sein & ihr sein|ihr seinihr
(weitere Beispiele folgen)
  • Die Klammern werden zwar geschrieben, aber nicht ausgesprochen.
  • Der Alternativstrich wird als zusätzliches „a“ am Ende bzw. „al“ in der Mitte gesprochen. Wenn hilfreich kann auf dessen Aussprach auch verzichtet werden - Bespiel: ersie anstelle von siealer.
  • Die Reihenfolge der Alternativen richtet sich nach einer möglichst einfachen Aussprache.
  • Manche Abkürzungen sind sinnlos, so z.B. bei den Possessivpronomen sein & ihr, und daran versucht man sich am besten erst gar nicht. Dennoch darf man solche gendergerecht schreiben und aussprechen. Eine Klammerung ist unnötig.

B-Noten

Die sind irrelevant. Siehe Artikel 5 des Grundgesetzes: „Jede(r|) ... frei ...“

Copyright © Dr. Rolf Jansen - 2019-05-11 10:39:39

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